Das Kunstwerk im Zeitalter des Remix

Das Kunstwerk im Zeitalter des Remix

The K&D Sessions von Kruder and Dorfmeister. Eine entspannte Sache.

Stephan Jansen stellte am vergangenen Barabend sein Lieblingsmeisterwerk vor: The K&D Sessions von Kruder and Dorfmeister. Ehrlich gesagt, habe ich mich schon seit der Einführungswoche, vor mittlerweile vier Semestern, gefragt, zu welchem Zweck irgend so ein Stardesigner diese Sofas eigentlich konzipiert hat: Wenn man sich unterhalten will, muss man schreien, und dunkel, viel zu dunkel ist es immer, wenn man doch mal Zeitung dort, in der Lounge neben dem Steinway, lesen möchte. Donnerstagabends aber, war es ganz einfach. Keine Bildschirme, keine Zeitung, und obwohl die Leute einem gegenüber saßen, einfach die Klappe halten und: Musik.

Nach Semestern, in denen das Format einzuschlafen drohte, bekommt „Mein Lieblingsmeisterwerk“ seit September eine angenehme Kontinuität. Letzten Donnerstag präsentierte Uni-Präsident Jansen in Sacko und Krawatte sein persönliches Lieblingsmeisterwerk: „The K&D Sessions“ des österreichischen Elektro-Duos „Kruder and Dorfmeister“. Und wie oben angeklungen, verhielt es sich mit der stiefmütterlichen Lounge und den K&D Sessions wie mit Jogginghosen und dem ach, so seltenem Wochenende: es zwickt nicht und stellt keine Fragen. Für alle, die die Platten des Duos um den ehemaligen Friseur Peter Kruder und dem lange Zeit erfolglosen Musiknomaden Richard Dorfmeister, nicht kennen: es handelt sich um Fahrstuhlmusik. Aber auch um Autofahrmusik, um Abschaltmusik und Einschaltmusik, um Musik zum Trinken, Tanzen, Fummeln, Zuhören. Im Wesentlichen veröffentlichen die beiden Österreicher Remixe von anderen bekannten und weniger bekannten Musikern und schaffen – um mit den Worten Stephan Jansens zu sprechen – „erst durch den Remix das Original“. Eine knappe Stunde lang stellte DJ und Professor Jansen sich hinter das Misch- und Redepult seines Macbooks und unterhielt in abwechselnder Folge von Frontalunterricht und Hörbeispielen die sichtlich dankbare und feierabendlich entspannte Barabend-Zuhörerschaft.

Natürlich sind bei einer solchen Veranstaltung nicht die allgemeinen Infos über Band, Film oder Bild, das Reizvolle. Die waren auch letzten Donnerstag aus dem Internet zusammen geschrieben. Der Reiz liegt vielmehr im Warum für die Wahl des künstlerischen Lieblings des sich offenbarenden Präsentierenden. Stephan Jansen holte bei seiner Antwort weit aus und ging bis in das Jahr 1935 zum Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ des Philosophen Walter Benjamin zurück. Darin beschwört Benjamin den Verlust der offenbarenden Aura eines Kunstwerkes, wenn dieses nicht mehr an seinem eigentlichen Ort des Ursprungs genossen wird, wie eine Oper im Opernhaus. Stattdessen wird Kunst irgendwo und überall – auf CD gepresst –durch die Möglichkeiten der technischen Verbreitung wie ein Taschentuch konsumiert. Der Mensch wird der einstigen Erscheinung der Ferne habhaft und verliert sie, so Benjamin. Jansen vergleicht diesen berühmten Gedanken des Philosophen mit dem Verlust der Aura durch die Umgestaltung eines originalen Musikstückes durch den Remix und widerspricht Benjamin: „Die K&D Sessions sind für mich ein Meisterwerk, weil sie die Aura des Originals erst beleben.“

Ob die Remixe tatsächlich originärer sind als ihre Originale oder es sich letztendlich um Jansens ganz persönliches Gefühl handelt, darf glücklicherweise jeder für sich entscheiden. Dass die Veranstaltung „Mein Lieblingsmeisterwerk“ von Leuten, denen man die Begeisterung für ihr Lieblingsstück anmerkt, lebt, steht aber ohne Frage fest. Hoffentlich dauert es nicht nochmal so viele Semester, bis einem wieder bewusst wird, wofür einst irgendein Stardesigner diese komischen Sofas eigentlich konzipiert hatte.

Foto: G-Stone Recordings
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