Studentische Zeitung der Zeppelin Universität
Das letzte Abendmahl
Ein Blind Date mit der Kultur
von Maria Reich | 27.10.2011 | Ressort: Student sein

Ein Projekt der CCM-Studenten Sarah, Jule, Nico, Helena, David und Max.

Vollkommen ahnungslos versammelten sich am vergangenen Donnerstagabend zwanzig Studierende. Treffpunkt: Friedrichshafener Kunstverein. Sie alle hielten ein Ticket für eine geheimnisvolle Kulturveranstaltung in den Händen. Die Organisatoren des Abends wagten das Experiment, und gaben zuvor keine einzige Information Preis. Nur den Treffpunkt und die Uhrzeit erfuhren die Gäste am Tag vorher per E-Mail.
Nachdem sich die gespannten Teilnehmer am Kunstverein getroffen hatten führten die Organisatoren die Gruppe in Richtung Innenstadt. Zuerst liefen sie am Hafenbahnhof vorbei – Fahren wir jetzt Zug?, fragten sich einige – aber es ging durch den Hinterausgang des Gebäudes wieder hinaus. Die Truppe passierte Kleidungsgeschäften, Schuhläden und Cafés. Und dann plötzlich: Halt! An der Tür des „Brot und Kaffee“ stand in weißer, geschwungener Schrift: Geschlossene Gesellschaft. Die Tür öffnete sich für die mutigen Kulturfreunde. Die Tische waren gedeckt mit Rosen und Körben voll Brot, über der Bar flackerte ein Kamin. Die kleinen Kärtchen in den Servietten fielen den Teilnehmern sofort auf. Darauf waren keine Namen sondern Gegenstände notiert: Esslöffel, Zimt, Draht, Einweggrill. Zunächst wusste keiner was das zu bedeuten hatte.
Die ZU-Studenten, die den Abend organisierten, begrüßten zunächst die Zuschauer. Sie reichten Suppe, bevor die angekündigte Performance folgen sollte. Noch immer war ungewiss, was das Publikum inhaltlich erwarten würde. Die Gäste unterhielten sich über dieses und jenes, bis plötzlich eine weibliche Stimme zu sprechen begann: Sie könne so nicht weiterleben, ja, sie lebe gar nicht mehr, ihre Seele sei schon lange tot. Sie könne ihr Glassplitterlachen nicht mehr ertragen – und ach, was würde der Welt schon fehlen, wenn sie ginge. Warum täten alle nur immer so falsch und täuschten vor, sie gern zu haben? Der Faden riss ab, in einer anderen Ecke des Raumes listete eine Stimme Fakten auf, die von Selbstmorden in Deutschland und auf der ganzen Welt berichteten, und Trends aufzeigten. Eine weitere Stimme setzte an. Jemand erklärte mit schwerer Stimme, in der sachlichen Art eines Nachrichtensprechers, das mathematische Verhältnis von missglückten zu gelungenen Selbstmordversuchen. Selbstmord: die häufigste Todesursache bei Jugendlichen. Eine genaue Beschreibung davon, wie man sich mit einem Esslöffel und genügend Zimt ganz einfach beim Plätzchen backen zur Strecke bringen kann, folgte: „Sodann verkleben die Lungenbläschen und der Erstickungstod setzt ein“. Ein Schauern ging durch die Zuhörerschaft. Esslöffel, Zimt…Vielleicht hätte man nicht so viel Suppe essen sollen.
Danach erzählte ein Mann, wie er im Fahrstuhl auf dem Weg zur Spitze eines Hochhauses verrückt wurde, als er sich im Spiegel betrachtete. Aggressiv, aufbrausend habe er auf sein imaginäres Gegenüber eingeredet. Er begann eine Diskussion mit ihm und schrie sich dabei selbst an. Am Ende verließ er das Café und sagte: „Ich springe jetzt.“
Die Gäste folgten ihm zum Kiesel Theater. Dort bekamen sie eine Eintrittskarte in die Hand gedrückt. „Live-Stream“ hieß der Kurzfilm von Jens Wischnewski, der mit Unterstützung der Katholischen Erwachsenenbildung Friedrichshafen aufgeführt wurde.
Das Drama handelt von der jungen Studentin Anne Krämer (Anna Maria Mühe), die „jeden, der möchte“, an ihrem Leben über einen Videoblog mit schrillen, grellen Aufnahmen und Szenarien teilnehmen lässt und sich selbst Miss Bingo nennt. „Schaut mal, ich habe Sonnenbrand und deswegen pellt sich jetzt meine Haut“, sagt sie und zieht vor laufender Kamera ein bisschen davon ab. Ihr Physik-Professor und Panikforscher Phillipp Hofmann (Matthias Brandt) verfolgt ihren Blog aufmerksam. Er begehrt Anne, lässt sie aber im Alltag immer wieder scharf abblitzen.
Eines Tages folgt ein Video, in dem Miss Bingo ankündigt, sich vor laufender Kamera in wenigen Tagen umzubringen: „Ich kann nicht mehr. Es ist so schwer sich jeden Tag etwas Neues auszudenken. [...] Ich mache ein Video für euch. Das müsst ihr alle gucken. Das wird das beste Video, was ich je gemacht habe. Ich bringe mich um – live, im Internet.“
Niemand nimmt ihre Ankündigung ernst, außer ihr Professor. Mit anonymen Videoantworten versucht er, sie von ihren Plänen abzubringen. Er erscheint auch auf der Party, auf der das Video per Livestream eingespielt wird. Miss Bingo und er geraten in einen Streit, schließlich küsst er sie, woraufhin sie sich in ihn verliebt, er aber abhaut.
Sie bleibt desillusioniert zurück, verschwindet von der Party und setzt ihren Plan in die Tat um. Die Views steigen mit den Sekunden vor ihrem endgültigen Schritt, die Kommentare in ihrem Blog auch: „Does anyone know, if this is real?“ – „Bingo spielt uns allen was vor“ – „LOL“ – „Fake!!“. Vor laufender Kamera bringt sie sich um und erst als sie röchelnd von der Decke hängt, schalten die DJ´s die Musik aus. Die Masse starrt ungläubig auf die Leinwand. Prof. Hofmann rast panisch, fluchend durch die Stadt zum vermeintlichen Tatort, findet sie, befreit sie aus der Schlinge – sie öffnet noch einmal die Augen.
Ein starker Film, der das Publikum wachgerüttelt, aufgewühlt und betäubt zurückließ. Ignoranz und menschliche Kälte vermittelte der Film eindrücklich. Die Frage: Was ist heute noch wirklich?, stand im Raum. Begriffe wie Depression, Manie, Exhibitionismus schwirrten umher – Eine blühende Jugend und der Wunsch zu sterben.
Dem Film schloss sich eine Diskussion an. Doch viele Leute gingen schon bald. Alles, was gesagt wurde, klang in dem Moment einfach zu banal. Dieser Abend wird den Teilnehmern wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

Trailer zum Film: http://www.youtube.com/watch?v=58tQ7jMwstI

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