Gibt es heute noch Helden? Nach dem Besuch eines Vortrages des gefragten Afghanistan-Kenners Reinhard Erös lautet die Antwort: Ja, zweifellos. Ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, kämpfte er während der russischen Besatzung Afghanistans als Arzt für das Überleben der Bevölkerung. Sein Engagement und die Leidenschaft für Afghanistan sind seither ungebrochen. Er gründete eine der erfolgreichsten Hilfsorganisationen, die „Kinderhilfe Afghanistan, als Privatinitiative mit seiner Frau und ihren fünf Kindern, und baut Mädchenschulen in dem durch Besatzungen geschundenen Land.
Der ehemalige Truppenarzt ist ganz in seinem Element, wenn er am Rednerpult steht und von seinen Heldentaten erzählt. Wie er Osama bin Laden fast an die Deutschen auslieferte und damit die von den Amerikanern angeführte Intervention in Afghanistan hätte verhindern können, wie er zur Zeit des Sowjetisch-Afghanischen Krieges sein Leben aufs Spiel setzte, um in den Höhlen kranke und verletzte Afghanen zu versorgen und wie er die Taliban davon überzeugen konnte, Mädchenschulen zu dulden. „Ich habe mit dem Stethoskop gekämpft, statt mit der Waffe“, erklärt er stolz seine Vorgehensweise. Mit kräftiger Stimme und einer guten Portion Selbstbewusstsein analysiert Erös, der den Afghanistan-Krieg scharf verurteilt, das falsche kriegerische Spiel der westlichen Mächte – schließlich kennt er Afghanistan bereits seit 35 Jahren und versteht die Menschen wie kein anderer.
Zu Beginn seines Vortrags wirft er ein Bild von Elizabeth Butler an die Wand. „Remnants of an Army“ porträtiert William Brydon, der 1842 als einziger Überlebender von 16500 der britischen „Army of the Indus“ an den Toren zu Jalalabad ankam. „Das war das Stalingrad der Briten“, erklärt Erös und fügt hinzu: „Dieses Mal vernichtet der Afghanistan-Krieg die USA.“
Von den Fehlschlägen der amerikanischen Außenpolitik in Afghanistan kann der bayerische Landsmann ein Lied singen. „Als die Spezialtruppen der Navy Seals am 1. Mai diesen Jahres, Osama Bin Laden in seinem Versteck in Abbottabad aufgesucht haben, ist den Amis ein Hubschrauber abgestürzt“, erzählt Erös verschmitzt. Unfassbar, dass so etwas passiere, nachdem die Einheit diesen Einsatz vorher sechs Monate lang geübt habe. „Und das soll die beste Truppe der Welt sein“, spottet er.
Doch nicht nur an den Amerikanern lässt er kein gutes Haar. Auch die Deutschen bleiben von Reinhard Erös nicht verschont. „Wir sind seit 10 Jahren in Afghanistan und hatten bisher 37 Tote auf der eigenen Seite“, sagt er. Das seien lediglich 3,7 Tote pro Jahr. Dabei habe es früher bei jedem Übungsmanöver der Bundeswehr 40 bis 60 Tote gegeben. „Das ist kein Krieg! – Man muss die Dinge im richtigen Verhältnis sehen“, protestiert der ehemalige Offizier. Im Südosten des Landes, da wo er wohne und die Bundeswehr nicht sei, gehe es viel heftiger zu. „Da wären die deutschen Soldaten allein schon wegen der klimatischen Bedingungen nach einer Woche tot.“, witzelt er.
Als ehemaliger Bundeswehrarzt ist er zwar nicht generell gegen einen Militäreinsatz in Afghanistan, aber er ist der Meinung, dass man den Afghanen abgesehen von ihrer Ausbildung alles selbst überlassen sollte. „Wir haben die Polizisten in Afghanistan miserabel ausgebildet“, kritisiert der Arzt. Um die afghanische Polizei vernünftig auszubilden, bedürfe es einer größeren Truppe und vor allem deutlich längeren Mindesteinsatzzeiten. „Wenn die deutschen Ausbilder hier ankommen, sind sie zunächst blind, taub und blöd, weil sie Sprache und Kultur nicht kennen“, meint Erös. Statt Einsätzen von drei bis vier Wochen Länge sei seiner Meinung nach ein Zeitraum von drei Jahren angebracht. Außerdem findet Erös problematisch, dass 80 Prozent der afghanischen Polizisten nicht lesen und schreiben können. „Einen Analphabeten auszubilden ist Quatsch“, stellt er nüchtern fest.
Kein Land der Welt habe in den vergangenen Jahren so viel Entwicklungshilfe in Afghanistan geleistet wie Deutschland. „Eigentlich sollten wir inzwischen besser wissen wie das geht“, schimpft der Profi. Er schiebt die Fehler auf die deutsche Politik: „Der durchschnittliche Politiker von heute ist leider nur mittelmäßig intelligent und auch charakterlich eher mittelmäßig.“
Was die Bewertung von anderen angeht, nimmt Erös kein Blatt vor den Mund. Auf die Frage hin, ob er jemals aufgeben wollte, stutzt Erös und meint: „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Obwohl auch Erös, wie viele deutsche Soldaten heute, in den 80er Jahren nach seinen Aufenthalten in Afghanistan unter der posttraumatischen Belastungsstörung litt, beendete er seine aufopfernde Arbeit nie. Mutter Theresa, die er bei seinem Lehrjahr in Kalkutta kennenlernte, gab ihm die für ihn entscheidende Botschaft mit auf den Weg: Du musst die Menschen lieben, wenn du ihnen helfen willst. Und wenn man das tue, würde man nicht aufgeben, behauptet Erös. Es ist schon beeindruckend, dass jemand, der 35 Jahren in Afghanistan gelebt hat, keine persönlichen Niederlagen zu kennen scheint. Und das, obwohl in dem Land so viele, die sich eingemischt haben, gescheitert sind.
Erös ist auch hier zu Lande sehr gefragt: Am Morgen nach dem Vortrag an der ZU hatte er schon den nächsten Termin beim Fernsehen oder beim Radio – das wusste er selber nicht so genau. Deshalb wollte der redefreudige Bayer nach seinen Erzählungen schnell aufbrechen und hatte leider kaum noch Zeit um Diskussionsfragen von Seiten des Publikums zuzulassen. Zeit zum Zeigen des bereits fast allen Anwesenden bekannten Kurzfilms, der über sein Projekt gedreht wurde, zum Bücher verkaufen und signieren ließ er sich aber allemal. Der 63-Jährige ist einfach unermüdlich darin sicherzustellen, dass seine Erfolgsgeschichte Gehör findet. (Meilin Möllenkamp)
Weitere Informationen zum Engagement von Reinhard Erös: http://www.kinderhilfe-afghanistan.de/
