Die inszenierte Triebabfuhr

Die inszenierte Triebabfuhr

Im privaten Fernsehen ist alles erlaubt, nur die Quote muss stimmen: Eine Medienkritik.

In der deutschen Medienlandschaft gibt es einige Besonderheiten. Dazu gehört die Betonung der föderalen Selbständigkeit in Kultur und Rundfunk und das, im weltweiten Vergleich nicht selbstverständliche, Nebeneinander von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien. Die Meinungsvielfalt ist gegeben, die Informationsvielfalt vorhanden. Wie es unsere Demokratie verlangt, sind die Medien frei und nicht in der Hand von Regierungen oder Parteien. Jedoch sind es im Medium Fernsehen nur zwei große Medienunternehmen, die die Strippen ziehen, denn die RTL Media Group und die ProSiebenSat.1 Media AG dominieren diese blühende Landschaft.
Doch auch eine demokratische Medienlandschaft schützt nicht davor, dass eben diese Medienunternehmen in den letzten Jahren in erster Linie durch Boulevardisierung und Verblödung auf sich aufmerksam machten. Im Kampf um Quoten und Skandale greifen die Sender auf einen subtilen Quotengaranten zurück: Die menschliche Schadenfreude.
Wir haben Stress in der Uni, im Job oder privat. Wir ernähren uns schlecht, rauchen zu viel, trinken zu wenig Wasser, aber reichlich Kaffee und Bier. Zeit für Familie, Freunde oder Freizeit haben wir nicht. Und knapp bei Kasse sind wir zu allem Übel auch noch. Man könnte nun depressiv werden oder in Selbstmitleid verfallen. Man kann aber auch zur Fernbedienung greifen und die eigenen Probleme relativieren, indem man einen Blick auf diejenigen wirft, denen es offensichtlich noch schlechter geht. Ein Hoch auf die Nachmittagssendungen im deutschen Fernsehen. Dank der Reality-Soap-Formate, die in den vergangenen Jahren fast alle Talkshows von ihren Sendeplätzen verdrängt haben, gewinnt man einen Einblick in das Leben von Leuten, die in den meisten Fällen richtig arm dran sind. Und das nicht bloß in finanzieller Hinsicht. Für die TV-Produzenten sind Sendungen wie „Mitten im Leben“, „Die Mädchengang“, oder „Verdachtsfälle“ sehr profitabel, da diese mit einem Minimum an Personal und Aufwand produzierbar sind und so gut wie nichts kosten. Mal abgesehen von dem mageren Gehalt der „Darsteller“.

Tag für Tag, Nachmittag für Nachmittag und Abend für Abend servieren uns die Sender unseres Vertrauens neue, aufbauende Storys. So werden uns Gewalt und Sex schon nachmittags ohne jedes Schamgefühl präsentiert. Die 15-jährige Schwangere auf RTL, der von Satanisten gebrandmarkte Schüler auf ProSieben oder der perverse Rentner, der auf RTL2 mit vermeintlich minderjährigen Schülerinnen erotische Chats führt, erwecken den Anschein, als drehe sich das menschliche Miteinander nur noch um Gewalt und Sex. Vergleicht man die eigenen „Problemchen“ mit denen der Reality Soap-Protagonisten, erscheinen diese fast nichtig. So schlecht wie diesen „Opfern“, geht es einem zum Glück dann doch nicht.
Die traurigen Feldstudien kann man jeden Abend beim Schauen der Privatsender machen. Keine so genannte „Perversion“, kein sexueller Fetisch, keine Berufsgruppe bleibt dem Zuschauer verborgen. In den Geschichten, die sie vor, nach und zwischen den Akten erzählen, wird deutlich, dass es sich keineswegs um Vorabend-Programm handelt, sondern viel mehr um Vorlustprogramm. Die Taktfrequenz der Sender, bei dem ein Reklame-Zwischenakt den sexuellen unterbricht, bestimmt heute den Alltag vieler.
Auf der Suche nach dem Grund der Attraktivität dieser Programme hilft das Modell der „repressiven Entsublimierung“ weiter. Das Konstrukt stammt ursprünglich von dem Alt-68er Herbert Marcuse, der damit eine Analysekategorie von Sigmund Freud umgekehrt hat. Während im Prozess der sogenannten „Sublimation“ sexuelle Energien in Kulturleistungen umgesetzt werden, geht es bei der „Entsublimation“ um das genaue Gegenteil: Die massive Freisetzung von Triebenergie auf ihrem ureigensten Feld. Dieses Phänomen trifft auf unser Fernsehprogramm ohne Zweifel in weiten Teilen zu. Aber warum „repressiv“? Marcuse geht davon aus, dass diese Freisetzung von Triebenergie gesellschaftlich gesteuert wird und von bestimmten Kreisen durchaus so gewollt ist, denn nach der Triebentladung ist der Mensch wieder in der Lage zu funktionieren, wie es die Gesellschaft verlangt.
Der enttabuisierte Raum der Triebabfuhr ist groß. Mindestens 30 Zoll. Auf der Couch vor dem Altar in Full-HD ist es erlaubt, ja sogar erwünscht, sich an Lust und Leid anderer zu ergötzen und das in einem sanktionsfreien Raum, dem des eigenen Wohnzimmers. Diese Triebabfuhr kann auf dem Fernseh-Abend mit Freunden sogar gemeinsam ausgelebt werden, wobei man natürlich nach außen auf Distanz zu den Sendern bleibt und zum „Assi-TV“ oder „Hartz 4-TV“ gucken einlädt. Ein solcher Abend stellt genau den entgrenzten Raum für eine Triebabfuhr dar, die einem die Bearbeitung der Versicherungsanträge am Montag wieder erleichtert und das Nachdenken über Sinn und Unsinn von normierten Arbeitswelten behindert.

In immer mehr Ländern reduziert sich die Demokratie auf eine gewisse ziellose Freiheit des Gebrauchs von Medien, in denen man alle Minderheiten und Perversionen zu Wort kommen lässt, sofern all das nur keine „praktischen“ Auswirkungen auf das Funktionieren der Herrschaftsapparate hat. Wahr ist, dass der Markt das oberste Gesetz ist. Nicht nur deshalb, weil er, wie die Liberalisten glauben, das Wohlergehen aller sicherstellt, sondern weil sich aus fast allem eine Ware machen lässt.

Foto: leonie Ah / jugendfotos.de
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Autor: Joshua Stoffels

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