
Wie muss jemand sein, der fünf Jahre im Geheimen die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst vorbereitet? Man kann es sich denken – so etwas schafft nur eine Persönlichkeit. Carolyn Christov-Bakargiev plant ein Event, das nach einer Pause von 1.726 Tagen nun zum 13. Mal in Kassel stattfindet: die dOCUMENTA. Sie ist die künstlerische Leiterin des sogenannten „100 Tage Museums“. Doch anders als bisher, will sie daraus keine Momentaufnahme machen, sondern eine Konferenz. Alle noch lebenden ehemaligen Kuratoren sind eingeladen. Frau Christov-Bakargiev will den Dialog und begreift die dOCUMENTA (13) als etwas, das sich in Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen ausdehnt.
Vorab beim Kaffetrinken konnte man sie schon kennen lernen und es wurde deutlich, was beim abendlichen Vortrag zu erwarten war. Statt brav die Fragen der Presse zu beantworten, mokiert sie sich über die Aufnahmegeräte und spricht stattdessen lieber mit den anwesenden Studenten über ihre Studiengänge, Ziele, Wünsche und Träume. Bewegt sagt sie mehrmals, dass man heutzutage mehr seiner Intuition folgen solle und es zusehends an Menschlichkeit mangele. Sie vermisst Kafka und Hannah Arendt im Lehrplan und ist auch darüber verwundert, wie klein das Angebot in Kunstgeschichte an dieser Universität sei. Überhaupt scheint sie nicht allzu begeistert und erwähnt, dass sie diesem Vortrag nur zugestimmt habe, da Frau Shepherd sie so nett darum gebeten habe. Es wird auch schnell klar, dass ihr jeglicher Ansatz von Organisation und Management widerstrebt. Vielmehr scheint ihre Überzeugung zu sein “studiere was du liebst, dann kannst du es auch durchführen – und es wird gut!“ Ihre Arbeitsweise versteht sie als ganz natürlich, so sagt sie zum Beispiel, dass alles im Fluss bleiben und zirkulieren muss. Wenn ein Künstler kurzfristig absagen würde, so schaffe dies nur Platz für Neues.
Obwohl künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), spricht sie während ihres Vortrags doch kritisch über die Tatsache, dass es sich um eine sich wiederholende Veranstaltung handelt. Es sei nicht mehr unerwartet somit also auch nicht mehr einzigartig. Dies scheint einer der Beweggründe zu sein, warum sie inhaltlich andere Wege geht als die Initiatoren zuvor. Auf die Frage wie sie ihrer Meinung nach die Kunstwelt verändern wird antwortet sie: „I don’t think there is AN art scene, here are different scenes and the change happens by itself. It just happens, I don’t do anything. Nothing lasts forever…“ Als Tochter einer Archäologin, diesen Fakt betont sie mehrfach, sei sie nicht so vermessen zu denken, dass ihr persönliches Handeln irgendetwas für die Kunst und ihre Szenen bedeutet. Alles hat einen Grund und alles geschieht von allein, es bräuchte ihr Zutun gar nicht. Es gäbe die Welt schon so lange, ganze Reiche seien zerfallen, ohne dass es an einer einzigen Person gelegen hätte und genau so sei es im gewissen Sinne mit der Kunst und auch der dOCUMENTA. Ein Teil des Vortrags ist das „Interview with herself“ – eine Ansage an kommende Fragen. Was sie als Fragen erwartet, hat sie vorformuliert und beantwortet und liest es in einer Geschwindigkeit ab, die es selbst einem geübten Englisch-Sprecher und Hörer unmöglich macht, inhaltlich ganz zu folgen. So erging es wohl auch der studentischen Assistenz, die damit betraut war, am Ende einige Fragen zu stellen und so setzt sie genau da an wo man (soviel war nach dem bisherigen Tag mit Frau Christov-Bakargiev klar) niemals ansetzten sollte – bei der kommenden dOCUMENTA. Wie es wohl werden würde, was sie schon dazu sagen könne und wie ihre Erwartungen seien versucht man in Erfahrung zu bringen. Vergeblich - Frau Christov-Bakargiev bleibt wortkarg und weicht aus.
Dennoch - Carolyn Christov-Bakargiev sprüht von dem Geist der die dOCUMENTA ausmacht und es war eine Ehre sowie eine Freude sie kennen lernen zu können. Ihrem Vortrag beizuwohnen war wirklich sehr inspirierend!
